Jesus im Yoga-Ashram: Warum hängt in einem Yoga-Ashram eigentlich ein Bild von Jesus über dem Altar? Diese Frage stellte sich mir bei meinem ersten Besuch im Yoga Vidya Ashram Bad Meinberg. Aus anfänglicher Skepsis wurde über die Jahre eine tiefe spirituelle Erfahrung: Yoga öffnete mir nicht nur den Zugang zu indischer Spiritualität, sondern auch neu zu Jesus, Hingabe und gelebtem Glauben.
2012 war ich zum ersten Mal im Yoga-Vidya-Ashram in Bad Meinberg. Ich hatte schon viel Gutes gehört und wollte ihn nun endlich selbst kennenlernen. Hatha Yoga und Meditation hatte ich schon lange praktiziert, und ein Stadtzentrum kannte ich auch von gelegentlichen Besuchen. Nun aber sollte es ein richtiger großer Ashram sein – der Duft der großen weiten Yoga-Welt. Ich war aufgeregt.
Ich hatte mich zu einer Ayurveda-Ausbildung angemeldet, und der Lehrer kam aus Indien, den ganzen weiten Weg nach Bad Meinberg. Wenn das keine Hingabe war! Was also beschwerte ich mich innerlich über meine vierstündige Anreise mit der Bahn?!
Angekommen in Bad Meinberg kam endlich der große Moment. Ich überschritt die Pforte in eine andere Welt, die Welt des Yoga. Es duftete herrlich nach Räucherwerk, und ich verspürte die turbulente Gefühlsmischung der Ankunft am Urlaubsort – eine Mischung aus Aufregung, Hoffnung und auch aller möglicher Befürchtungen, die den Puls höher schlagen lässt.
Besondere Hingabe beim Satsang
Ich bezog mein Zimmer und machte mich auf zum Essen. Alles wirkte noch ziemlich normal für mich – die Ashram-Luft schien gar nicht so anders zu sein, fand ich. Dann ging es zum Satsang. „Warum?“, fragte ich mich kurz. „Ich dachte, wir machen Ayurveda?! Aber gut, warum nicht…“ Ich lief der Menge nach, und wir meditierten. Das war schön, und ich kam an und fand Erdung. Dann begann das Kirtan-Singen – und nun geschah etwas für mich Ungewöhnliches. Der Kirtansänger verbeugte sich tief in der Stellung des Kindes vor den Bildern über dem Altar. Ich war verdutzt. Wo war ich denn hier gelandet?!? Aber weltoffen und neugierig wie ich war, ließ ich es erst einmal sacken.
Dann entdeckte ich neben dem Meisterbild von Swami Sivananda und den hinduistischen Gottheiten, die ich damals noch nicht als solche erkannte, Jesus. „Jesus im Yoga-Ashram! Warum ist er hier?“, fragte ich mich. Ich war verwirrt. Ich wollte doch Yoga und Ayurveda machen.
Heute schmunzle ich über mich selbst, meine damalige Unwissenheit und auch über die Yogawelt, die sich in gewisser Weise lange verhüllt hat, sodass man ihren wahren Kern erst gar nicht so recht erkennen konnte – worum es beim Yoga in der Essenz eigentlich wirklich geht. Und vielleicht war das auch gut so. Hätte ich mich vor meiner ersten Yogastunde erst einmal vor Ganesha verbeugen und beten sollen – ich weiß nicht, ob der Samen dann auf fruchtbaren Boden gefallen wäre.
Yoga hat meinen Weg zum Glauben geebnet
Viele Jahre hat es gebraucht, um aus mir – einem selbsternannten Atheisten – einen gläubigen Menschen zu machen. Und dabei ist mir eines sehr bewusst geworden: Glauben vorzuleben ist wichtig. Ich beobachtete über die Jahre hinweg noch häufig die Kirtan-Sänger, die sich vor den Gottheiten auf der Bühne verbeugten, und es kam mir nicht wie Heuchelei vor. Ich spürte ihre Hingabe und Liebe.
Genau diese Liebe habe ich mittlerweile auch in meinem Herzen gefunden – auf der Yogamatte, beim Meditieren und Kirtansingen und auch wieder bei Jesus. Das große Bild an der Wand von Yoga Vidya nahm auf mystische Art und Weise Kontakt mit mir auf. Einige Zeit später „lockte“ es mich in meinem Heimatort in eine Kirche. Ich spürte seine Präsenz in meinem Herzen, erinnerte mich an das Bild bei Yoga Vidya. Plötzlich stand ich vor dem Altar und fragte mich, was nun eigentlich mit mir passiert war. Gottes Wege sind unergründlich.
Spirituelle Symbole neu verstehen

Kürzlich, als ich zu einem Gottesdienst ging, tauchte ich meine Finger in das Weihwasser und zeichnete ein Christuskreuz – ich verband dabei mein Stirnchakra mit meinem Herzchakra. Durch den Yoga verstehe ich heute viel besser die Bedeutung spiritueller Symbole und Rituale jenseits aller Religionen. Während ich dort stand, ganz bei mir und gleichzeitig voll Liebe und Hingabe, bemerkte ich zwei kleine Jungs, die mich neugierig beobachteten. Vielleicht spürten sie – so wie ich damals bei den Kirtans – etwas von der Liebe, die sich nicht erklären lässt, aber intuitiv wahrgenommen wird.
Heute verbeuge ich mich vor Ganesha und bitte ihn um Kraft. Ich verbeuge mich vor Saraswati, bevor ich male und schreibe, und vor unserem Meister Swami Sivananda, bevor ich Yoga mache. Vor Shiva verbeuge ich mich, wenn ich Vergangenes ablösen und mich innerlich reinigen möchte. Yoga ist so viel mehr und umfassender, als wir gewöhnlich denken, wenn wir unseren ersten Yogakurs in der VHS oder im Turnverein buchen oder ein YouTube-Video aufrufen.
Yoga hilft, die Schwierigkeiten im Leben zu meistern
Was brauchen wir vor allem dafür, diesen Weg zu beschreiten? Offenheit für Spiritualität, für Meister:innen, Heilige und Gottheiten, für Philosophiesysteme und auch Religionen. Bringen wir diese Offenheit mit und schaffen es, an unserer von Kindheit an „verfärbten“ Brille vorbeizuschauen, trägt uns die Yogawelt zu ungeahnten Erfahrungen und zu purer Glückseligkeit, wenn wir diesen Weg konsequent beschreiten.
Gibt es eine bessere Vorbereitung auf alle Schwierigkeiten und „Prüfungen“, die wir im Leben zu bestehen haben? Meiner Meinung nach nicht. Yoga verfeinert unseren Geist, klärt unsere Wahrnehmung, lindert unser Begehren (rāga) und unsere Abneigungen (dveṣa) und nimmt uns auch ein gutes Stück Angst vor dem letzten unausweichlichen Schritt im Leben – das Verlassen unseres Körpers, dem Tod (abhiniveśa). Denn mit unserem Bewusstsein betreten wir durch unsere Yoga-Praxis schon zu Lebzeiten die feineren Bewusstseinsschichten unseres Geistes, die wir auch durchlaufen, wenn wir in die anderen Welten aufsteigen und eins werden mit unserem Ursprung.
Yoga: eine Brücke zwischen Kulturen
Nun aber zurück zu meiner Eingangsfrage: Warum hängt eigentlich ein Jesusbild an den Altären von Yoga Vidya? Vielleicht, weil der Hinduismus eine besonders offene und tolerante Tradition ist. Vielleicht, weil Jesus als Sohn Gottes verehrt wird. Vielleicht, weil sein Bild hier im Westen eine Brücke baut: in die wunderbare, farbenreiche Welt des Yoga und der hinduistischen Gottheiten.
Als ich kürzlich im Zug auf dem Weg zu einem der Ashrams war, begegnete mir eine ehemalige Sevaka. Sie fiel mir durch ihre legendäre gelbe Yoga-Vidya-Stofftasche auf, und wir kamen ins Gespräch. Sie hatte mehrere Jahre bei Yoga Vidya gelebt und im Westerwald begonnen. Offen erzählte sie mir von ihren ersten Tagen im Ashram – von Momenten, in denen ihr vieles noch fremd vorkam, von der Umstellung auf das viele Sitzen am Boden und ihren dabei schmerzenden Beinen, und von den besonderen Herausforderungen des Lebens in Mehrbettzimmern. An einem dieser Tage blickte sie im Satsang zu Jesus hinauf und dachte: „Wenn er auch hier ist, dann wird das schon alles seine Richtigkeit haben …“.
Diese Geschichte hat mich sehr berührt, und ich möchte sie mit dir teilen. Möge das Licht der Liebe in all unseren Herzen erwachen. Möge der Yoga eine Brücke zu dieser Liebe sein und gleichzeitig Kulturen und Religionen miteinander verbinden.

Diana Helen Fegert
Diana Helen Fegert ist seit ihrer Kindheit mit dem Yoga verbunden. Über viele Jahre hinweg hat sie intensiv meditiert, bis sich die Grenzen zwischen der äußeren Welt und den Lichtwelten aufzulösen begannen. Später öffneten ihr auch schamanische Praktiken den Zugang zu jenen Ebenen, die im Alltag oft verborgen scheinen.
Ihre Lehrer hat sie in der Welt gefunden – unter anderem bei Yoga Vidya, im Chopra Center, am Ayurvedic Institute – und in ihrem eigenen Herzen, diesem heiligen Ort, der uns lehrt, führt und erhellt. Das Herz verweist uns auf unseren inneren Guru, auf das göttliche Licht, das uns begleitet und durch unser Leben führt. Dieses göttliche Licht zu finden, ist unsere wichtigste Aufgabe im Leben. Und wenn wir es gefunden haben, strahlt es durch uns hinaus in die Welt. Auf diesem Weg hat Diana ihr Dharma gefunden. Mit ihren Texten, unter anderem für das Magazin Yoga Aktuell, ihren Bildern, Meditationen und dem Wissen, das die geistige Welt ihr schenkt, möchte sie die Welt bereichern.
Wenn du Yoga selbst als spirituellen Weg erfahren möchtest, findest du bei Yoga Vidya Seminare, Satsangs und Ashram-Aufenthalte, die dich auf deinem Weg begleiten können.