Ojas – von Schicksalsgefüge und Schicksalsgeflügel mit Sukadev

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Von hu
Lesezeit: 15 Min

Kennst du das Gefühl, als Donald Duck zu leben? Egal wie sehr du dich anstrengst, alles geht schief, während andere mühelos zum Ziel gleiten? Anders als im Comic ist das aber kein Schicksal in das man sich fügen muss. Das wurde mir erst nach vielen Jahren der Praxis bewusst. Als Sukadev das letzte Mal zu Besuch im Nordsee-Ashram,war, habe ich mit ihm über das gesprochen, was das bewegt: Ojas.

Dieses Gespräch mit Sukadev fand im Mai 2025 im Nordsee Ashram statt.

Was ist Ojas?

Das Sanskrit-Wort Ojas (ओजस्) bedeutet Kraft, Stärke, Lebensfrische, Vitalität, Glanz und Ausstrahlung. Es bezeichnet nicht einfach körperliche Energie, sondern die feinste Essenz des Lebens – jene subtile Kraft, die Gesundheit, Widerstandskraft, geistige Klarheit und spirituelle Tiefe trägt.

Im Ayurveda entsteht Ojas als die verfeinerte Essenz der sieben Dhatus. Nahrung wird verdaut, transformiert und immer subtiler, bis schließlich Ojas entsteht. Deshalb hängen Verdauung (Agni), Schlaf und Lebensstil direkt mit Ojas zusammen. Ist das Verdauungsfeuer stark, entsteht Klarheit; ist es schwach, bilden sich Ama, Schwere und Erschöpfung.

Doch Ojas ist nicht nur ein körperliches Prinzip. In der Yogatradition, besonders bei Swami Sivananda, wird Ojas als spirituelle Energie verstanden. In Glory of Brahmacharya schreibt er:

„Durch erhabene Gedanken, Meditation, Japa, Verehrung und Pranayama kann die sexuelle Energie in Ojas Shakti umgewandelt und im Gehirn gespeichert werden. Diese Energie kann für göttliche Betrachtung und spirituelle Bestrebungen verwendet werden.” (Swami Sivananda, Glory of Brahmacharya)

Ojas ist also transformierte Energie. Nicht nur sexuelle Energie, auch Ärger, Muskelkraft und starke Emotionen können sublimiert werden. Statt nach außen verloren zu gehen, werden sie in innere Strahlkraft verwandelt.

Pranayama: Der innere Alchemist

Dunkle Wolkenformation über dem Wattenmeer an der Nordsee mit weiter Horizontlinie.

Gerade Pranayama spielt dabei eine zentrale Rolle. Die bewusste Lenkung des Atems sammelt Prana, beruhigt das Nervensystem und macht die Lebensenergie subtiler. Sukadev formuliert es sehr klar:

„Ziel beim Pranayama ist nicht nur, mehr Prana zu haben, sondern ihn subtiler zu machen.” (Yoga Wiki – Ojas)

In Die Wissenschaft des Pranayama ergänzt Swami Sivananda:

„Pranayama, die Regulierung des Atems, reinigt den Geist und weckt diese vitale Energie, bringt Gelassenheit und die Kraft, die Sinne zu beherrschen.” (Swami Sivananda, Science of Pranayama)

Pranayama wirkt wie ein innerer Alchemist: grobes Prana wird zu feinstofflichem Ojas. Dadurch entsteht nicht nur mehr Kraft, sondern auch mehr Ruhe, Konzentration und spirituelle Tiefe.

Auch Hatha Yoga unterstützt diesen Prozess. Asanas harmonisieren die Nadis, stärken Agni und verhindern unnötigen Energieverlust. Besonders ruhige, bewusst gehaltene Haltungen, Tiefenentspannung, Umkehrstellungen und meditative Praxis fördern Sammlung statt Zerstreuung. Yoga wird dadurch nicht nur Gymnastik, sondern eine Methode, Lebensenergie zu bewahren.

Ein weiterer Schlüssel ist Brahmacharya, also der bewusste Umgang mit Lebensenergie. Ojas wächst dort, wo Energie nicht ständig durch Reizüberflutung, Überarbeitung oder ungezügelte Sinnesnachfolge verloren geht. Sammlung schafft Ausstrahlung.

Ojas wirkt auf das ganze Sein

Ein Mensch mit viel Ojas besitzt daher nicht nur Gesundheit, sondern auch eine besondere Präsenz. Swami Sivananda beschreibt in Glory of Brahmacharya:

„Ein Mensch, der viel Ojas in seinem Gehirn hat, kann enorme geistige Arbeit leisten. Er ist sehr intelligent. Er hat eine magnetische Aura im Gesicht und leuchtende Augen. Er kann Menschen beeinflussen, indem er nur ein paar Worte spricht oder sogar durch seine bloße Gegenwart.” (Swami Sivananda, Glory of Brahmacharya)

Doch Ojas zeigt sich noch auf einer anderen Ebene: im Lebensfluss selbst. Wer viel Ojas angesammelt hat, erlebt oft, dass Dinge leichter gelingen. Hindernisse lösen sich scheinbar einfacher, Vorhaben kommen schneller voran, Begegnungen fügen sich harmonischer.

Swami Sivananda beschreibt Pranayama nicht nur als Mittel für Gesundheit, sondern auch für:

„…Erfolg und Glück in allen Dingen des Lebens.” (Die Wissenschaft des Pranayama, Vorwort des indischen Herausgebers, Yoga Vidya)

Das ist kein magischer Zufall, sondern eine Folge innerer Ordnung. Wer gesammelt ist, handelt klarer. Wer klarer handelt, schafft weniger innere Reibung. Wer weniger innere Reibung hat, begegnet auch äußeren Hindernissen anders. Es wirkt dann fast so, als würde das Leben selbst kooperieren.

ext:
Sonnenstrahlen brechen durch Wolken über dem Wattenmeer an der Nordsee beim Nordsee-Ashram.

Ein Gespräch mit Sukadev über Ojas, Karma und die Kunst, Energie zu verwandeln

Seit meiner Kindheit, seit meinem ersten Donald Duck Comic habe ich mich gefühlt wie er: egal wie viel Einsatz, egal welche Absichten – immer ging alles schief und ließ sich nur mit viel Anstrengung zurechtbiegen. Während andere scheinbar mühelos durchs Leben glitten wie Gustav Gans, der immer das vierblättrige Kleeblatt findet – ohne zu suchen.

In den letzten Jahren hat sich da etwas verändert. Dinge gestalten sich leichter, Hindernisse verschwinden manchmal fast von selbst. Als ich bei Swami Sivananda über Ojas las – über diese feinstoffliche Kraft, die das Leben harmonischer werden lässt – wollte ich von Sukadev wissen: Kann man das wirklich spüren?

Ojas und Karma

Sukadev nickt.

„Manchmal ist es sogar gut, wenn man in jüngeren Jahren karmisch einiges abzutragen hat. Man bemüht sich, bemüht sich, geht einen spirituellen Weg – und nach und nach wird diese Schwere leichter. Durch die Praxis wird Karma abgebaut.”

Er erklärt, dass gerade durch Widerstände auch Stärke entsteht:

„Durch diese vielen Bemühungen baut man Widerstandskraft auf, Ausdauer, Durchsetzungskraft. Und wenn dann weniger karmischer Widerstand da ist, kommt diese Kraft viel stärker zum Vorschein.”

Nicht nur das Karma wird leichter – auch man selbst wird tragfähiger. Resilienter.

Prana wird zu Ojas

Im Buch Brahmacharya von Swami Sivananda wird an einer Stelle beschrieben, dass durch die Umwandlung von Prana in Ojas das Leben leichter werden kann: weniger Reibung, weniger Widerstand.

Sukadev greift das sofort auf:

„Ja, wir können verschiedene Arten von Prana in Ojas umwandeln. Das geschieht durch starke Praxis – durch Pranayama, durch viele Runden Kapalabhati, durch das Luftanhalten. Prana wird nach oben gezogen und transformiert.”

Und nicht nur angenehme Energie:

„Das kann auch Wut sein, Ärger, Verzweiflung. Auch das kann transformiert werden. Wenn diese Energie stark fokussiert ist, kann sie in Ojas verwandelt werden – und sogar in große Kräfte.”

Das klingt mystisch, tatsächlich hatte ich aber wenige Wochen vorher genau das erlebt.

Mein Wutschrank

Ich erzähle ihm von einem Moment vor wenigen Wochen. Da war ich wütend. Richtig wütend. Ich hatte erkannt, wie viel Energie ich über Jahrzehnte in etwas investiert hatte, das sich im Nachhinein als völlig sinnlos herausstellte.

An diesem Tag wollte ich endlich meinen Schrank, einen großen viertürigen Holzschrank aufbauen. Das hatte ich ständig verschoben, weil immer etwas anderes wichtiger schien – und auch das machte mich wütend.

Ich wollte (sollte:) niemanden um mich haben, die einzige Möglichkeit war es allein zu tun. Also baute ich den Schrank erst einmal liegend zusammen. Obwohl Schrauben fehlten, fand ich für alles schnell eine Lösung. Nun musste der Koloss aufgestellt werden. Hilfe holen? Kam nicht in Frage.

Ich war immer noch voller Wut. Voller Fokus. Und ich stellte diesen schweren Schrank alleine auf.

Täglich schaue ich dieses Möbelstück an und denke: Krass.

Das ist ein bisschen wie bei Menschen, die in Extremsituationen plötzlich ungeheure Kräfte entwickeln – etwa Mütter, die in einer Notsituation ein Auto anheben, um ihr Kind zu retten. Die Energie geht dann nicht in Angst oder Verzweiflung, sondern wird vollständig gebündelt.

Fokus statt Zerstreuung. Transformation statt Zusammenbruch.

Der Flow-Zustand: Wenn das Universum mitarbeitet

Ich frage ihn, ob er selbst Momente hatte, in denen er spürte: Jetzt verändert sich etwas.

Er erzählt von seiner Studienzeit in München. Er studierte BWL – eher auf Wunsch seiner Eltern – praktizierte aber gleichzeitig intensiv Yoga, besonders viel Pranayama. Da war sein Fokus. Dann kamen die Abschlussprüfungen.

„Ich bin da wirklich sehr gut durchgekommen. Ganz anstrengungslos.”

Er lacht.

„Ich hatte genau die richtigen Sachen gelernt. Das, was ich gelernt hatte, kam dran. Das, was ich nicht gelernt hatte, kam nicht dran.”

Auch in der mündlichen Prüfung schien sich alles fast wie von selbst zu fügen:

„Der Prüfer hat mich genau die Dinge gefragt, die ich wusste. Die Sachen, die ich nicht wusste, hat er mich gar nicht gefragt.”

Und dann war da noch … die Speisung der 300 Yogainteressierten

Dann erinnert sich Sukadev an eine Zeit in Wien, als das dortige Yoga-Center noch ganz am Anfang stand und nicht so gut lief. Er plante spontan einen Tag der offenen Tür im August.

Viel Werbung gab es nicht. Er hatte nur noch schnell eine Anzeige an ein Yoga-Journal geschickt – eigentlich ohne große Hoffnung, denn normalerweise wäre so etwas für die aktuelle Ausgabe längst zu spät gewesen.

„Normalerweise wird so etwas dann nicht mehr gedruckt”, erzählt er. „Aber sie hatten noch Platz wegen Sommerflaute – und tatsächlich haben sie es noch veröffentlicht.”

Auch im Center selbst war die Begeisterung eher zurückhaltend. Der damalige Centerleiter meinte nur: „An einem Samstag im August kommt doch keiner. Und jetzt müssen wir dafür auch noch arbeiten.”

Vorbereitet war jedenfalls nicht viel. Ein kleines vegetarisches Buffet für vielleicht zwanzig Menschen.

Es kamen an die dreihundert Leute!

Schon eine halbe Stunde vor Beginn füllte sich das Center mit Besuchern. Sukadev begann sofort, Karma-Yogis und Yogalehrer anzurufen und um Hilfe zu bitten.

„Das war das Schöne bei den Wienern”, sagt er. „Die kamen sofort.”

Innerhalb kurzer Zeit wurde zusätzlich gekocht, organisiert, improvisiert. Aus dem kleinen Buffet und Programm für zwanzig wurde eine Veranstaltung für dreihundert Menschen.

Der Tag wurde ein voller Erfolg.

Für Sukadev war es auch persönlich ein Wendepunkt. Zum ersten Mal saß er dort im Yoga-Raum auf einem Stuhl vor einer großen Gruppe und sprach zu vielen Menschen.

„Ab da war das Center nicht mehr das gleiche.”

Es lief danach deutlich leichter. Nicht ohne Arbeit – aber mit einer anderen Dynamik. Dinge fügten sich. Unterstützung kam. Das, was vorher schwer gewesen war, bekam plötzlich Fluss.

Aber bleibt das so?

Kann Ojas auch verloren gehen?

„Ojas kann natürlich auch verbraucht werden”, sagt Sukadev.

Große Projekte, viel Verantwortung, intensiver Kontakt mit vielen Menschen – all das kostet Kraft. Manchmal schneller, als neue Energie aufgebaut werden kann. Wenn der Lebenswandel unsattvig wird, beschleunigt sich das noch.

Doch es gibt einen Unterschied:

„Wenn man das, was man tut, als uneigennütziges Dienen macht, dann fließt es durch einen hindurch. Dann ist es nicht das eigene Prana, das aufgebraucht wird – sondern Gott wirkt durch einen.”

Das klingt einfach, ist aber eine hohe Praxis. Denn auch dafür braucht es Ojas.

„Man braucht viel Ojas, um diese Haltung des Dienens wirklich beizubehalten.”

Gerade dann, wenn man mitten im Leben steht. Mit Menschen. Mit Projekten. Mit Widerständen.

Ojas bewahren ist nicht leicht

Swami Sivananda fasst die Bedeutung von Brahmacharya für den Ojas-Aufbau zusammen:

„Wenn man ein akhanda Brahmachari bleiben kann – ein ununterbrochener Keuschheitsüber – für zwölf Jahre, wird man Gott sofort verwirklichen, denn Brahmacharya bewahrt Ojas und macht spirituellen Fortschritt möglich.” (Swami Sivananda, Glory of Brahmacharya)

Vielleicht ist das der eigentliche Punkt:

Ojas macht das Leben nicht problemlos. Aber es verändert die Art, wie wir ihm begegnen.

Und manchmal fühlt es sich dann tatsächlich so an, als hätte das Universum beschlossen, nicht länger gegen uns zu arbeiten – sondern endlich mit uns. Weil wir uns seinem Fluss hingeben.


Sukadev in blauer Regenjacke in Namaste vorm Nordsee-Ashram

Hast du auch schon Momente erlebt, in denen das Leben plötzlich leichter floss? Oder kennst du Situationen, in denen Wut oder Frustration in unerwartete Kraft verwandelt wurden? Teile deine Erfahrungen in den Kommentaren – lass uns gemeinsam über Ojas sprechen.


Die Autorin hu:

Vor mehr als 20 Jahren zwang mich eine schwere Krankheit dazu, meinen vorgedachten Pfad als Filmemacherin und Autorin zu verlassen und neue Wege zu finden und zu gehen. Diese Reise führte mich zu Heilern und spirituellen Lehrern, zu Hexen, Schamanen, ins Zen-Kloster und in die Einsiedelei. Durch meine Erfahrungen habe ich gelernt, dass wahres Verstehen und Erkennen nicht im Kopf stattfindet, sondern das ganze Wesen, das ganze Sein erfüllt. Seit September 2022 bin ich Sevaka bei Yoga Vidya. 🌻 hu

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